KI zum Drauftreten: Studierende denken den öffentlichen Raum neu
22.07.2026
Ob Roboter-Gans oder Meditationsfliese: LMU-Studierende zeigen, wie Künstliche Intelligenz den städtischen Alltag lebenswerter machen kann.
22.07.2026
Ob Roboter-Gans oder Meditationsfliese: LMU-Studierende zeigen, wie Künstliche Intelligenz den städtischen Alltag lebenswerter machen kann.
Studierende der Medieninformatik mit der von ihnen entwickelten Roboter-Gans „Loonie” | © Jonathan Singer
Wer im vergangenen halben Jahr durch Münchens Parks und öffentliche Plätze spazierte, hatte gute Chancen, dort Masterstudierende des Studiengangs Mensch-Computer-Interaktion der LMU anzutreffen. Im Design-Kurs „Urban Machines: Designing AI Interfaces for Everyday Urban Life“ von Professor Alexander Wiethoff und Philipp Thalhammer beschäftigten die Studierenden sich ein Semester lang mit der Frage, wie sich der öffentliche Raum mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) nicht nur attraktiver, sondern auch sicherer, sauberer und leiser gestalten lässt.
Der erste Schritt: hinaus aus dem Seminarraum und hinein in die Stadt. Ob Englischer Garten, Westpark, Sendlinger Tor oder Odeonsplatz, Marienplatz, Allianz Arena, Hohenzollernplatz oder Hauptbahnhof – München wurde von den insgesamt fünf Teams erobert. Dort beobachteten sie, wie Menschen den öffentlichen Raum nutzen, wo Probleme entstehen und an welchen Stellen intelligente Technologien den Alltag sinnvoll verbessern könnten.
Herausgekommen ist eine Vielfalt an Prototypen, die sogar Dozent Wiethoff überraschte: „Ich hatte die Angst, dass viele Studierende den schnellen Ausweg nehmen: neue App, QR-Code, fertig.” Stattdessen bauten die Studierenden eine Roboter-Gans für mehr Sicherheit im Park, entwarfen eine interaktive Flaschensammelstation, sorgten mit einer Meditationsfliese für Entspannung an Ampeln, stellten leuchtende Steine zur besseren Orientierung auf und verlegten eine Bodenplatte für einen smarten Aufzug, der bei Bedarf um Platz für Menschen im Rollstuhl bittet. „Unterschiedliche Kontexte erfordern unterschiedliche Lösungen und das haben die Teams wirklich gut umgesetzt”, findet Wiethoff.
Den öffentlichen Raum zu gestalten ist nicht einfach. Vandalismus, Strom, stetiger Wandel – die Herausforderungen sind groß. Gleichzeitig haben gelungene Lösungen das Potenzial, den Alltag vieler Menschen zu verbessern. Und genau dafür sollte Künstliche Intelligenz aus Sicht von Wiethoff auch verwendet werden. „Ich sehe gerade ein bisschen die Gefahr, dass die KI eher für Effizienzsteigerungen und Wegrationalisierungen von Personen eingesetzt wird.”
Begleiterin auf vier Rädern: Roboter-Gans Loonie | © Jonathan Singer
Am Institut für Informatik in der Frauenlobstraße stehen die Studierenden Mitte Juli bereit, um mit ihren Abschlusspräsentationen den Gegenentwurf zu liefern. Wenn man den kleinen Raum im zweiten Stock an diesem Tag betritt, ist gleich klar: Hier wabert es nur so von Ideen.
Auf einem Tisch wird gerade eine lebensgroße Gans aufgebaut – inklusive grün und rot leuchtender Augen und Federn aus Füllwatte. „Loonie” soll ein Begleiter auf vier Rädern für alle sein, die abends alleine in Parks unterwegs sind und sich unsicher fühlen.
Der Prototyp hat ein Infodisplay auf dem Rücken sowie einen Notruf-Button auf dem Kopf. „Alle Frauen haben sehr schnell gecheckt, wofür der da ist”, erzählt die Gruppe von ihren Testbesuchen im Westpark.
Weitere Idee aus dem Kurs: eine interaktive Station zum Sammeln von Flaschen | © Jonathan Singer
Gegenüber leuchtet das Gesicht eines Studenten in LED-Blau auf. Vor ihm liegt eine Bodenfliese, die so auch passgenau in Münchens Gehwegen eingesetzt werden könnte. Der Gruppe ist bei ihren Besuchen am Sendlinger Tor und am Odeonsplatz aufgefallen, dass die Passanten komplett auf Autopilot-Modus sind. „Sie nehmen ihre Umwelt nicht mehr wahr und jede kleinste Pause wird durchs Handy gefüllt”, erzählt eine Studentin. „The mindful step” soll dieses Muster durchbrechen. „Ein kleiner Schritt, um der Hektik des Alltags zu entfliehen”, so das Ziel. Erreicht werden soll es durch eine spielerische Einladung, die sehr sichtbar auf der Fliese leuchtet: „Step on me”. Danach wird per Animation und Vibration zusammen geatmet. Einatmen, Halten, Ausatmen – 12 Sekunden, die dem Alltagsstress kurz keinen Platz lassen.
Für Dozent Wiethoff sind die Prototypen der Studierenden ein Beispiel dafür, wie Technologie im urbanen Raum zu einem positiveren Bild von KI beitragen kann. Weg von der Schreckensvision, in der Technik vor allem überwacht und überfordert, hin zu einer bewusst menschenzentrierten Gestaltung. „Dann ist auch mehr Bereitschaft dafür da, Dinge zu wagen und Experimente einzugehen“, sagt er. „Wir sollten den Menschen auf der Straße zeigen, dass wir alle den öffentlichen Raum mitgestalten können, dürfen und sollten.“
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